Sprache und Macht, Worte und Wirkung

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreib getrost: Im Anfang war die Tat!


Johann Wolfgang von Goethe; «Faust I»

Die Macht des Wortes: Sie kann gar nicht genügend hoch eingeschätzt werden, besonders im politischen Umfeld, wie schon die ersten demokratischen Schritte im Athen des Perikles (490-429) beweisen: In den von ihm eingeführten Institutionen wie der Volksversammlung oder den Geschworenengerichten mussten Mehrheiten gewonnen werden, und das hiess, durch die Kraft der Argumente und die Macht des Wortes zu überzeugen. Wer im öffentlichen Raum der athenischen Demokratie als Politiker erfolgreich sein wollte, musste vor allem reden können.

Und wie gehen wir heute mit Wörtern und Worten um? Nachlässig, unsensibel, oberflächlich, ganz sicher minimalistisch. Zu diesem Thema lädt das Schauspielhaus Zürich am kommenden Freitagabend zu einem Gespräch ein – auch dies im Umfeld von demokratischen Prozessen:

 

Worte und Wirkung – Sprache und Macht

Podiumsgespräch mit Adolf Muschg, Carolin Emcke und Verena Mühlethaler
Im Rahmen des Projekts „Die Schutzbefohlenen“

Gratisanwälte, Willkommenskultur, Überfremdung – mit welcher Sprache wir in Alltag und Literatur von Migration, Ausgrenzung und gesellschaftlichem Wandel sprechen, prägt demokratische und künstlerische Prozesse gleichermassen.

Am Vorabend von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ diskutieren Adolf Muschg, Carolin Emcke und Verena Mühlethaler am 20. Mai mit Daniel Binswanger vor dem Hintergrund der bevorstehenden Abstimmung zur Asylrechtsrevision über Integration, zivilgesellschaftliches Engagement und die Macht der Sprache in der gegenwärtigen politischen Debatte.