Ein gesellschaftspolitisches Thema wird aufgemischt

«Die Recherche»
Ein Dossier über die Chancen der Gleichberechtigung – für Frau und Mann

Die Südeutsche Zeitung, eines der besten Print-Medien im deutschsprachigen Raum, hat sich eines Themas angenommen, das bei vielen eigentlich nur noch Gähnen auslöst: „Wieviel Gleichberechtigung brauchen wir noch?“

Sinnvollerweise kommen in diesem gross angelegten Dossier auch Männer zu Wort, inkl. Beiträge mit provozierenden Titeln wie «Wir Männer, die Feministen» (Prominente zur Gleichberechtiung), geschrieben von einem Mann, oder «Männer müssen Feministen werden», verfasst von einer Journalistin, die festhält: Es ist ein Missverständnis, dass sich der Kampf um Gleichberechtigung gegen Männer richtet. Der Feminismus kann Männer und Frauen befreien.

HeForShe_Logo_Badge_withTagline_Use_On_WhiteIn diesem heiklen Bereich muss offenbar jeder Schritt, jedes Wort überlegt werden, damit die geneigten Leser und Leserinnen nicht schon nach dem ersten Satz die Lektüre beenden. Schützenhilfe liefert da unter anderem die junge britische Schauspielerin Emma Watson, UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte, die in ihrer viel beachteten Rede vor der UNO  im Herbst 2014 das „F-word“, wie Frauen in den USA den Feminismus häufig nennen, thematisiert hat, obwohl man ihr zuvor geraten hatte, dieses heisse Eisen nicht anzufassen:
„The more I have talked about feminism, the more I’ve realized that fighting for women’s rights has too often become synonymous with man-hating. If there is one thing I know for certain, it is that this has to stop.“

Das kann nicht oft genug betont werden. Die von ihr mitgestaltete Bewegung «HeForShe» haben bereits 700’000 Männer weltweit unterschrieben – es ist eine Einladung an Männer, sich zum Engagement für Chancengleichheit zu bekennen.

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Und das scheint ein Mann in einer hohen Entscheidungsfunktion begriffen zu haben: Justin Trudeau, der junge kanadische Ministerpräsident, dessen Kabinett von 30 Mitgliedern zur Hälfte aus Frauen besteht und der damit ein Wahlversprechen eingelöst hat. Macht sein Beispiel Schule?  Hillary Clinton hat vor ein paar Tagen verlauten lassen, dass sie im Falle eines Wahlsiegs die Hälfte der Regierungsposten mit Frauen besetzen will. „Ich werde ein Kabinett haben, das wie Amerika aussieht, und 50 Prozent von Amerika sind Frauen“, erklärte die Demokratin bei einem Bürgertreffen in Philadelphia. Beide Politiker haben damit gezeigt, dass sie den Zeitgeist begriffen haben: Schon längst ist diese Diskussion keine Frauenfrage mehr, sondern gesellschaftgspolitischer Mainstream.

Wir müssen daher wirklich einen Effort machen, die Diskussion zu entgiften und mit sachlichen Argumenten nach einer Antwort auf die o.e. Frage der «Recherche» suchen. Dazu gehören auch Überlegungen, inwieweit man eine Sprache zurechtbiegen kann – ein ausgezeichneter Artikel dazu ist vor kurzem in der NZZ erschienen, den ich Ihnen wärmstens empfehle: „Liebe/r Leser*in“.

Ach ja, ich gehöre inwischen zu den Menschen, die genug haben von der Gleichheitsdiskussion, weil sie Zeit, Nerven und Engagement kostet und nach wie vor nur magere Resultate hervorbringt, wie die Endlosdiskussion um die Quote immer noch beweist. Ausgenommen ist dabei natürlich der Bereich Lohn- und Chancengleichheit bei Bewerbungen und Beförderungen, für dessen Missachtung es keine Entschuldigung gibt. Aber ich bin der Ansicht, dass ein Strategiewechsel angesagt ist: Frauen sollten ihr Anders-Sein, ihr anderes Denken, ihren anderen Erfahrungsschatz in den Vordergrund rücken, denn dann können sie sich mit ihrem weiblichen Blick auf Lösungsansätze zu den Problemen, die wir zur Zeit in jeder Ecke der Welt haben, einbringen. Doch darüber an anderer Stelle mehr.

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